beat 'n blow

Da behaupte einer noch mal, die Bayern hätten hierzulande die Blasmusik für sich gepachtet. Trompeten, Saxofone, Posaunen und Tuben lösen sich schon lange vom bayuwarischen Idiom, sind globales Vokabular geworden. Und immer wenn an einem kulturellen Knotenpunkt ins Blech geblasen wird, entsteht ein besonders heißes Gebräu. Die neun Herren von beat 'n blow um die charismatische Leadsängerin Katie La Voix bringen da einen satten Berlin-Bonus mit. Und der heißt: Funk und Soul, mit gelegentlichen Ausflügen in Mariachi-Gefilde, New Orleans, die Karibik, den Balkan Brass und eine Portion Dub. Diese fiebrige Mischung aus der Hauptstadt tönt auf dem mittlerweile fünften Album dieses kraftvollen Zehners noch ein wenig direkter, intensiver, herzblutender: „NACKT UND ROH" eben.

Angefangen hat es in zwei alten VW-Bussen. Die fahren 1994 durch Italien, damals noch mit rein „instrumentalem" Inhalt. Wir nehmen mal an, dass die Einheimischen - von ihrer musikalischen Geschichte her dem Brass-Sound ja nicht gerade abgeneigt - begeistert waren. Denn schon 1996 haben beat 'n blow soviel Schwung gesammelt, dass sie mit dem Debüt-Album „Modern Brass" an den Start gehen. Marching Band nennen sie sich damals, doch der hochgradig funkige Soul hat von Beginn an den Sound der quertaktig marschierenden Berliner im Griff. Und zwar „with a capital S" wie es schon auf ihrer zweiten Scheibe „Time" (2003) heißt. Geschichtet wird er bis heute nach der taktischen Aufstellung 2-3-1-1-2, will sagen: zwei glänzende Trompeten (Steve M. Gold und Lukas Linhart) und drei erfindungsreiche Saxofone (Jasper Bieger, Bernhard Ullrich und Björn Frank) im Angriff, eine zugkräftige Posaune (Christian Fischer) und eine umtriebige Tuba (Steve R. Lukany) als satte Unterstützung im Mittelfeld und zwei blitzschnell agierende Schlagwerker (Micky Bister und Enno Kuck), die hinten nichts anbrennen lassen. Dieser Erstligamannschaft der Berliner Brass-Szene fehlt zu ihrem Glück nur noch eine Dame. 

Die finden sie schließlich in der raukehligen, seelenvollen, stimmgewaltigen Katie La Voix, die sich zunächst noch mit dem Soulman Uli Wolf abwechselt, etwa in dem Hit „Girl!", der auf WDR Funkhaus Europa monatelang die Hot Rotation ziert und zum Sieger im Band Contest des Karnevals der Kulturen 2007 wird.

Von Athen bis Dublin, und quer durch Deutschland sowieso, verbreitet sich die Kunde von beat 'n blow dank ausgedehnter Tourneen wie ein Lauffeuer. Richtig frei schwimmen sie sich mit ihrem Album „Hund ohne Leine" (2009), auf dem Katie La Voix, aus deren Feder auch sämtliche Titel fließen, verstärkt der deutschen Zunge huldigt und so noch treffender, authentischer das alltägliche Voodoo-Gefühl an der Spree einfängt.

Noch ein Quäntchen mehr Kraft versprüht nun „NACKT UND ROH". Zwölf kantig geschmirgelte Brass-Soul-Perlen mit intimen Interludien treffen da auf unsere Ohren und müssen erst mal verarbeitet werden. Im Opener „1000 KM" pumpen beat 'n blow mit Hummeln im Hintern einen aufgekratzten Song übers Wiedersehen einer alten Liebe in die Gehörgänge. Das Titelstück schreitet machtvoll über einer Bassdrum voran, kündet von kompromissloser ständiger Erneuerung: „Ich spiel nicht mehr Hide and Seek, du kriegst was du siehst, nackt und roh!"

Und auch in den anderen Stücken, kriegen die Hörer Sounds ohne Gucci- und Pucci-Politur: Ein Manifest für eine starke Stadtfrau ohne oberflächlichen Glamour gibt es in der vorwärtspreschenden „Queen der Nacht", „What The Girl Wants" spielt augenzwinkernd mit Disco- und Vocoder-Vokabeln. Schwüles New Orleans-Flair kommt in „Louisiana Fish Fry" und „Wer auf der Welt" zum Tragen, und über schmatzender Tuba entfaltet sich in „Pretty Pictures Of An Ugly Man" ein cooler Funk, der auch Prince gut zu Gesicht stehen würde. Doch es gibt in diesem Parforce-Ritt auch famose Ruhepole: „Simpler Schmerz" reflektiert die Achterbahnfahrt der Liebe in bester „Track Of My Tears"-Manier, in „Irgendwohin" versteckt sich eine hymnische, vom Reggae angefixte Aufbruchstimmung. Und mit dem frechen Flirt im Finalstück empfehlen sich beat 'n blow auch als Band, die Chill-Eleganz und Brass-Feuer durchaus für vereinbar hält.

 Fulminanter, seelenvoller Stoff aus den fiebrigen Adern der Großstadt: Gäbe es in Berlin eine Funk Street und eine Brass Lane, so würden beat 'n blow an ihrer Kreuzung eine turbulente Villa bewohnen.