Claude Chalhoub

Eigentlich hätte Claude Chalhoub, geboren 1974, in die Fußstapfen seines Vaters treten und Friseur werden sollen. Schon als kleiner Junge hilft er im väterlichen Salon aus, im christlichen Viertel Beiruts, fegt Haare vom Boden auf und reicht Scheren an. Doch neben der Coiffeurskunst, die der Vater und Claude's vier Brüder ausüben, die sechs Schwestern müssen nicht in diesen Beruf, gibt es noch ein anderes familiäres Band: das der arabischen Musik. Kein Tag vergeht für die Familie ohne Fairuz, die Göttin der libanesischen Musik, im Radio singen zu hören. Jeder der Chalhoubs spielt ein Instrument oder singt. Claude bekommt eine Geige zugeteilt. „Als der Bürgerkrieg begann, gingen wir natürlich nicht zur Schule. Meine Beschäftigung bestand dann im Geigenspiel. Da ich nicht genau die Techniken beherrschte, war es eher ein Experimentieren mit der Geige."

Fast jeden Tag, während draußen Gewehrsalven knattern und Bomben einschlagen, übt Claude für sich alleine in einem feuchten, schlecht beleuchteten Keller. „Das war schon eine sehr besondere Situation, die mich und das Instrument zusammen-schweißte." Die Geige wird zu einer der wichtigsten Konstanten in Claudes weiterem Leben. Seinem Talent verdankt er ein Stipendium In England. Am ‚Royal College of Music' in London beginnt Claude sein Studium. Kurz vor dem Ende des Krieges ist er seiner traumatisierten Heimat entronnen. Ohne Freunde, Verwandte, kaum des Englischen mächtig, beginnt er ein neues Leben in der Fremde. „Ich musste mich mehr als die anderen in das Studium hineinknien, um Orchester, Kammermusik und Solodarbietung besser kennen zu lernen. Anderen zu zuhören, Ratschläge zu bekommen, war etwas Neues für mich."

Sein Fleiß und die rasche Auffassungsgabe machen ihn zu einem hervorragenden Schüler, der eintaucht in das umfangreiche Repertoire klassischer Musik und fast jedes Symphoniekonzert in London besucht. Noch während des Studiums erhält er für seine Komposition ‚Oriental Images' den ersten Preis für die beste Aufführung am College und sein Debutkonzert im ‚London Smith Square' ebnet den Weg für eine Reihe erfolgreicher Konzerte in Europa.

„Nachdem ich das klassische Studium abgeschlossen hatte, fing ich an, nach neuen Farben und Visionen zu forschen. Mein erster Schritt bestand darin, zur traditio- nellen arabischen Musik und der Kunst der Improvisation zurückzukehren." In dieser Phase wird Daniel Barenboim auf ihn aufmerksam, der Musiker für sein ‚WestEastern Divan Orchestra' sucht, das als kulturpolitisches Symbol der Zusammenarbeit von Christen, Muslimen und Juden leuchten soll. Er überträgt ihm 1999 in Weimar die Position des Konzertmeisters. Ein Meilenstein in seiner frühen künstlerischen Entwicklung. Ein weiterer ergibt sich ebenfalls in Weimar. Während eines Kammerkonzerts begeistert Claude das Publikum, die Presse und Vertreter von Plattenfirmen dermaßen, dass er einen Vertrag für sein erstes Album angeboten bekommt. Mit Michael Brooks in Los Angeles beginnt 2000 die Produktion. Brooks, der u.a. Brian Eno, Tom Waits und Elvis Costello produzierte, beschreibt Claude Chalhoubs Stil: „Sein Violinenspiel hat diese überlebensgroßen Konturen, die auch große Sänger auszeichnet".

Auch YoYo Ma, einer der erfolgreichsten Cellisten, wird auf Claude aufmerksam und lädt ihn nach Tanglewood/USA ein, um an seinem ‚Silk Road'Projekt mitzuarbeiten. Doch Claude Chalhoubs Talent erschöpft sich nicht in virtuosen arabischen Improvisationen, auch ist er weniger ein typischer Interpret klassischer Musik. Seine Stärken im Spiel und als Komponist liegen eindeutig im Zusammenführen von Stilen und Musiktraditionen verschiedenster Kulturkreise, europäischer, arabischer und indischer.