Jessica Gall

„Das Leben", sagt Jessica Gall, „ist doch schon laut genug". Den zweiten Teil des Satzes muss sich ihr Gegenüber dazu denken, was allerdings kein großes Ding ist. „Da muss meine Musik", so hätte er auf sicher gelautet, „das nicht auch noch sein." Ist sie auch nicht. Aber intensiv, eindringlich, kaum je wieder zu vergessen, das ist sie schon, und zwar mehr denn je. Mit „Picture Perfect" hat die Berlinerin jetzt ein Album eingespielt, welches im Vergleich zu seinen Vorgängern und konträr zu seinem Titel in absolut positivem Sinne erfreulich unperfekt klingt. Zumal dann, wenn
man aus der Bundeshauptstadt ein urbanes Werk erwartet hatte.
Jessica Gall lächelt, „wahrscheinlich ist das Gegenteil der Fall, oder?" Ja, genau. Aber warum nur? „Das Erste, was ich morgens sehe", sagt die Sängerin, „ist ein Garten mit Apfelbäumen und vielen Vögeln." Anders gesagt: Sie wohnt nicht sehr zentral in Berlin. „Das schafft bei mir ein Bedürfnis", so Gall weiter, „diese Weite auch erklingen zu lassen in meinen Songs, zumindest eine Ahnung davon sollte es geben." Ihr Bedürfnis, Weite erahnen und in Klang übergehen zu lassen, habe in den letzten Jahren zugenommen. Platz und Weißraum in ihrer Musik seien ihr zunehmend wichtig geworden, „beides inspiriert mich eigentlich schon seit meiner Kindheit. Auf dem neuen Album versuchen wir nun, so reduziert wie möglich zu klingen." Damit seien sie und ihre Musiker schon relativ weit gekommen, „aber für meinen Geschmack liegt noch ein Stück des Weges vor uns." Und das „wir" im vorletzten Satz meint nicht zuletzt auch sie und ihren Ehemann Robert Matt, der nicht nur als Produzent und Arrangeur für das Album mitverantwortlich zeichnet, sondern mit dem Jessica auch Kompositionen und Texte erarbeitet. Auch ihrer Stimme ist der neue Freiraum anzumerken. Vor ein paar Jahren noch hatte sie eine feuilletonistisch eher unverdächtige Tageszeitung zur „sanftesten Stimme Deutschlands" ernannt. „Damals", sagt Jessica Gall, „fand ich das nett formuliert." Inzwischen allerdings gehe sie viel mehr aus sich heraus, „weil ich besonders auf der Bühne irgendwann gemerkt habe, dass ich weit mehr als sanft sein kann." Zwar schreie und kreische sie noch immer nicht, „aber ich halte mich auch nicht länger im Flüsterton zurück. Und ich habe nun einmal eine ziemlich tiefe Stimme."

Wurden ihre ersten Alben noch einigermaßen unbeirrt in die Kategorie Jazz einsortiert, dürfte das inzwischen selbst dem unbedarften Plattenhändler schwerfallen. Sie selbst, sagt Jessica Gall, interessiere die Einordnung nicht allzu sehr, „mich inspiriert eher, überhaupt Musik machen zu können und zu dürfen. Ich bin gern abwechslungsreich, und so höre ich auch privat Musik. Das reicht von Lady Gaga bis zu Joni Mitchell, Tom Waits oder Ella Fitzgerald. Was mich am ehesten anspricht, ist ein guter Text."
Von eben diesen strotzt ihr Album nun. Wohl auch deshalb, weil es in genau jenem Umfeld entstand, das Jessica Gall sich wünschte. Das Werk sei in Zusammenarbeit mit ihrem Mann entstanden, „wir fangen einfach beide an zu schreiben, zum Glück findet die Arbeit komplett in unserem Haus statt." Das mit den Apfelbäumen und den Vögeln im Garten, „sogar unser Studio ist dort untergebracht – was es natürlich umso einfacher für uns und unsere Kinder macht." Fast hört man Erleichterung in ihrer Stimme. „Dann kommt die Band hinzu", sagt Jessica Gall. Das sind neben Robert Matt an Piano und Programming Johannes Feige (Gitarren), Björn Werra (Bass) und Martell Beigang (Schlagzeug). „Sie spielen alles live ein und haben große Anteile am Resultat", so Jessica Gall, „weil ich mit ihr meine und Roberts Vorgaben ausprobiere und kritisch begutachte."
Das gilt mittlerweile auch für ihre Live-Auftritte. Sie sei, sagt Jessica, mittlerweile „sehr froh, auf der Bühne nicht mehr der Kontrollfreak zu sein, der ich früher zumindest im Studio war." Auf der Bühne passiere halt mitunter auch mal das Unvorhersehbare, „das fand ich früher total anstrengend, heute aber birgt es für mich einen unglaublichen Zauber." Den letzten Teil dieses Satzes würden ihre Fans sicherlich gerne unterschreiben.
Jessica Gall, geboren in Berlin als Tochter eines Musiker-Paares, studierte Jazz an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler", erlaubte sich bei der Suche nach ihrem eigenen Stil aber schon früh jedwede Freiheiten, auch abseits des Genres. Zur Finanzierung ihres Studiums wirkte sie als Backgroundsängerin unter anderem für Phil Collins und Sarah Connor. Nach ihren Werken „Just Like You" (2008), „Little Big Soul" (2010), „Riviera" (2012) und „Riviera Live Concert" ist „Picture Perfect" ihr fünftes Album. Gemeinsam mit Robert Matt und den Co-Textern Robin Meloy Goldsby, Shannon Callahan und David Anania hat Jessica Gall einen Platz zwischen den Erinnerungen an den Jazz und dem endlich wieder aufregenden Olymp der Singer/Songwriter gefunden. Von jetzt an scheint alles möglich.